Der gute Rat

Seit einiger Zeit höre ich den wohl-meinenden Rat, auf Social Media sichtbarer zu werden. Man müsse heutzutage auf Plattformen wie z.B. LinkedIn Co. persönliche Erlebnisse teilen, Haltung zeigen, Einblicke geben und kleine Geschichten aus dem Arbeitsalltag erzählen.
Mein Bauchgefühl ließ mich lange zögern. Doch heute Morgen habe ich den Mut gefasst und meinen ersten sehr persönlichen LinkedIn-Beitrag vorbereitet. Er handelt von einer durchdringenden Erfahrung, die mich nachhaltig geprägt hat. Hier ist mein Entwurf:
„Was ich heute beim Prozess „Kaffee kochen“ über agiles Prozessmanagement gelernt habe“
Vielleicht ist es Dir auch mal so gegangen? Heute Morgen ist mir mal wieder etwas gelungen, das ich lange für selbstverständlich hielt: Ich habe Kaffee gekocht.
Nicht irgendwie Kaffee gekocht. Nein. Es war ein iterativer, kundenzentrierter, crossfunktional abgestimmter Kaffeeprozess. Und mit einem nutzbaren Inkrement, einer Tasse dampfenden Kaffees.
Purpose und Zielbild
1️⃣ Zunächst habe ich den Purpose für mich als Prozessverantwortlichen formuliert: „Als Prozessverantwortlicher für den End-to-End-Prozess „Kaffee kochen“ sorge ich dafür, dass aus Bohnen, Wasser und berechtigter Hoffnung zuverlässig ein wachmachendes Kundenerlebnis entsteht. Ich entwickle und verbessere den Kaffeeprozess kontinuierlich, von der ersten müden Idee bis zum letzten Schluck.“ 2️⃣ Sodann wurde das Zielbild definiert: wach werden durch Kaffeegenuss. 3️⃣ Dann habe ich den Kaffeeprozess als SIPOC-Modell am Kanban-Bord skizziert. 4️⃣ Und zum Schluss habe ich die wesentlichen Stakeholder in das Anforderungsmanagement einbezogen: mich selbst, die Kaffeemaschine und – in beratenden Rollen – die Familienmitglieder, die mit dem Satz „Ist der Kaffee schon fertig?“ wertvolle Impulse für Prozesskennzahlen (KPI) lieferten.
Erste Iteration
Schon begann die erste Iteration:
✅ Bohnen einfüllen.
✅ Wasser nachfüllen.
✅Startknopf drücken.
Ein mutiger Schritt, denn wer weiß schon, was in der Blackbox Kaffeemaschine tatsächlich passiert. An dieser Stelle wurde bewusst, dass auch für Prozessverantwortliche Führung bedeutet, unter Unsicherheit Entscheidungen zu treffen.
Nach wenigen Augenblicken floss duftender Kaffee in die Tasse. Die erste Tasse Kaffee war nicht perfekt, aber immerhin fast selbst gemacht.
Review und Retrospektive
💡 Zeit zum Reflektieren: Wie könnte man den Prozess noch effizienter gestalten? Braucht es einen Coffee Process Owner? Sollten wir ein Daily an der Maschine einführen? Und wer dokumentiert eigentlich den Prozess in BPMN und hält die Lessons Learned fest? Wir lernen, wir verbessern, wir trinken weiter.
Danke, dass ich dabei sein durfte
Natürlich habe ich diesen Erfolg nicht allein erreicht. 👉 Ein besonderer Dank gilt meinem Netzwerk, das mich mit inspirierenden Beiträgen über Resilienz, Selbstwirksamkeit und den Mut zum Neuen täglich daran erinnert, dass auch die übliche Morgenroutine eines gewöhnlichen Arbeitstages eine bedeutende Transformationsgeschichte sein kann. 🍀 Danke, dass ich diese Erfahrung machen durfte.“
Vielleicht doch noch mal darüber nachdenken? Ich habe den Beitrag zum x-ten Mal durchgelesen und kann mich noch immer nicht für die Veröffentlichung entscheiden. Es ist schon wertvoll, berufliche Erfahrungen sichtbar zu machen, Wissen zu teilen und auch einmal stolz auf eine gelungene Leistung zu sein. Soziale Medien können dafür ein sehr gutes Forum sein. Muss ich deshalb jede noch so kleine Selbstverständlichkeit zum Event, jeden Workshop zum Wendepunkt der Unternehmensgeschichte und jede Tasse Kaffee zum Auftakt einer neuen Arbeitsepoche hochstilisieren? Ich weiß nicht. Manchmal ist Kaffee eben einfach nur Kaffee. Und manchmal ist ein guter, hilfreicher Beitrag nützlicher als die dramatische Erzählung über seinen Entstehungsprozess. Aber ich bleibe dran: morgen oder übermorgen, oder jedenfalls demnächst werde ich einen neuen Versuch für einen guten Social Media Beitrag wagen.





